Selbstverwirklichung, eine evolutionäre Sackgasse?

Kommt vielleicht auf das Selbst an, oder das Ich. Kommt darauf an, was unter dem Ich schlummert und gern mal die Richtung weist, wenn es nicht weiter geht im Alltag, in gefühlten Schlüsselmomenten, oder wenn ich rückwärts die Einbahnstraße raus schleiche, in die ich mich manövriert habe – jahrelang und vor allem emotional. „Was wird das hier?“, fragen sich nun die Leser. Meine Antwort: „Eine Weltgeschichte!“

Wer bin ich, frage ich mich, wenn ich in den Spiegel schaue, auf den ein Sticker geklebt ist, auf dem geschrieben steht: „Warning – Reflections in this mirror may be distorted by socially constructed ideas of ‚beauty‘.“ Irgendjemand hat versucht, diesen Aufkleber wieder zu entfernen. Aber er war hartnäckig – der Aufkleber – und ich frage mich, was ist schlimmer, zu hinterfragen und sein Leben nach den Antworten zu gestalten, die mir gegeben werden oder ungefragt mit Wahrheiten konfrontiert zu werden, auf die mensch nicht vorbereitet war und vielleicht nie von selbst auch nur auf die Frage gekommen wäre.

Ich glaube, gerade geht es vielen Menschen auf der Nordhalbkugel so, die sich eigentlich einfach nur über das sonnige Wetter freuen und die nur Sorge haben, dass ihr Eis zu schnell schmilzt. Während ich mich um Stadt- und Waldbäume, Gebüsch, Getier und die Polkappen sorge, welche mit der Klimakrise kämpfen. War das meine Entscheidung oder wurde ich da hineingeboren? Irgendwie schon letzteres, aber ich will nicht zu weit ausholen. Ich esse jetzt jedenfalls gern veganes Eis für 2 Euro die Kugel. Ist auch keine super Lösung aber das Gewissen ….

Mein Gewissen und die Sicht auf die Zusammenhänge, lassen mich auf die Straße gehen, ob nun für Ein Europa für alle oder bei einem Trauermarsch für die aussterbenden Arten. Ich fühl mich dabei erst mal gut, bin aufgeregt und freue mich über die vielen Menschen, die zusammen kommen, um zu zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, dass die Welt an die Wand gefahren wird. Ich bin ergriffen, wenn ich sehe, dass Gothics, die für aussterbende Arten getragenen Schritts durch die Innenstadt laufen, bei den Umstehenden Diskussionen über die Eisbären auslösen. Aber reicht das? Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wir sind alle Betroffen und dies ist eine Krise, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Vom Selbst übers ich zum Wir. Ich habe gelesen, dass wir, also wir Menschen, kooperative Tiere sind. Wir haben uns unter anderem so vermehrt und ausgebreitet, weil es uns möglich ist, zusammen zu arbeiten. Wir sprechen miteinander, teilen uns mit und tauschen uns aus. Streit gehört auch dazu. Wir leben und arbeiten in Gruppen, Cliquen, Teams. Wir besuchen Konzerte, auf denen wir anderen zujubeln, die uns aus der Seele sprechen. Wir lieben uns und hassen uns auch. Ich muss daran denken, wie sehr mein fehlender Selbstwert, mich daran gehindert hat, auf Menschen zuzugehen und wie oft das als Arroganz fehlinterpretiert wird. Das ist alles so komplex aber halt auch spannend.

Und wieder die Frage: Wo geht es hin mit diesem Text? Gefühl! Gefühl wird ausgelöst durch mein Gegenüber, wird ausgelöst durch mein Selbst, was in meinem Gegenüber sich selbst erkennt oder eben nicht. Und nun wieder die Frage: Wenn ich mich selbst verwirkliche, hilft das jemand anderem und kann das am Ende sogar die Welt verbessern? Und ja, ich will die Welt verbessern. Gutmensch und so: Ich! Besser, weil unser Umgang mit Natur und Umwelt nur besser werden kann und auch muss. Wenn es so weitergeht wie bisher ist das schlecht für uns alle und auch unmöglich – ganz logisch betrachtet.

Wie kann ich mich nun selbst verwirklichen? Ich bräuchte Zeit und ein Selbstwertgefühl, das meinen inneren Zensor in Schach hält, ich bräuchte Geld, damit ich mir ein Dach über dem Kopf leisten kann, damit ich was zu essen kaufen kann und auch damit ich mir was zu schreiben leisten kann, denn mein innerstes Bedürfnis ist es, zu schreiben. Damit lerne ich mich besser kennen, damit kann ich vielleicht auch andere Menschen erreichen, so dass sie anfangen zu hinterfragen. Auch mich zu hinterfragen und den Sinn dieses Textes, natürlich gern. Virgina Woolf hat das so genial geschrieben in „A Room of One‘s Own“. Meine Zeit und mein Geld und mein Leben reichen für Texte wie diesen, Gedichte und täglich Tagebuch. Was würde ich fabrizieren, wenn ich mehr Zeit und oder Geld oder Leben hätte. Und wäre das alles relevant? Natürlich kann ich davon ausgehen, dass eine andere Person diese Art von Essay schon geschrieben haben könnte, vielleicht auch aussagekräftiger oder gar als wissenschaftlicher Essay. Zum Beispiel habe ich gerade das Buch: „Das 6. Sterben“ von Elisabeth Kolbert gelesen und danach müsste ich nichts mehr zu Klimakrise und Artensterben schreiben, weil sie als Wissenschaftsjournalistin das so grandios und fundiert berichtet, dass dazu alles gesagt scheint.

Dies hier jedoch ist mein persönlicher Versuch, dieses wichtige und zerschmetternde Thema mit meinem Selbst in Einklang zu bringen. Dies ist mein Versuch mit allem klarzukommen und gleichzeitig wird es gerade ein Appell an alle, die dies lesen, sich selbst die Frage zu stellen: „Was würde ich tun, wenn ich die Wahl hätte?“ Und sich dann zu fragen: „Warum denke ich, ich hätte keine Wahl?“ Ich lerne das auch gerade, jeden Tag frage ich mich in mindestens einer Situation: „Muss ich das jetzt wirklich mitmachen? Was wäre, wenn ich aufstehe und gehe? Was wäre, wenn ich meine Meinung sage? Was wäre, wenn ich mich aus meiner Komfortzone raus begebe?“ Klingt anstrengend und ist es auch. Aber es lohnt sich für mich. Beispiele? Ich bin zufriedener mit mir, da ich meine Bedürfnisse klarer äußere und damit auch mehr bei mir sein kann. Das ist eine neue Erfahrung für mich. Ich war früher davon überzeugt, mein Gegenüber müsste ahnen oder sogar wissen, was in mir vorgeht und was ich will. Aber da gehe ich von mir aus. Andere sind nicht so emphatisch. Das akzeptiere ich nun und oftmals gehe anders mit meinen Mitmenschen um. Ich bin gelassener, aber immer noch falle ich in alte Muster zurück und denke dann für andere mit oder will unterstützen, wo mein Rat nicht mal erbeten worden ist. Das schlaucht mich und ich verschließe mich dadurch irgendwann.

Ist der Abschnitt oben ein Beispiel für eine Innenschau, mit der nur die Schreibende etwas anzufangen weiß? Oder bringt das anderen Leuten etwas? Das ist die große Frage mit der ich mich oft beschäftige. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des kreativen Produkts, hat schon so manche verstummen lassen. Deswegen finde ich es praktisch, dass ich nicht vom Schreiben leben muss. Ich habe eine Teilzeitstelle und kann in meiner Freizeit kreativ sein. Ich entscheide frei, ob ich diesen Text auf meinem Blog veröffentliche oder nicht. Worüber ich keine Kontrolle habe, ist, wie ihn die Leute aufnehmen, was er ihnen gibt und was sie damit anfangen können.

Ist nun Selbstverwirklichung eine evolutionäre Sackgasse? In Elisabeth Kolberts Buch gibt es ein Kapitel namens „Das Wahnsinnsgen“. Es geht darin um die Neandertaler und darum, dass sie im Gegensatz zum Homo Sapiens, nie großartig in ihre Umwelt eingegriffen und diese somit umgestaltet haben, obwohl sie sich auch umeinander gekümmert haben und wohl auch intelligent genug gewesen wären. Der Mensch, wie er heute noch auf Erden wandelt, hingegen, hat sich nicht von reißenden Flüssen oder gar Meeren abhalten lassen, die Welt zu besiedeln und nach seinen Vorstellungen zu verändern. Dafür muss mensch schon etwas Wahnsinn in sich tragen aber vor allem Vorstellungskraft. Wir haben Kunstwerke und technologische Wunder geschaffen, sind aber auch seit langem dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Alles was wir uns in unserer Fantasie ausmalen können scheint Wirklichkeit zu werden, im Guten wie im Schlechten.

Liegt nun damit die Verantwortung Gutes zu planen und dann zu tun in jedem selbst, oder ist nicht auch die Gesellschaft gefragt, darauf hinzuwirken, dass wir genug Informationen haben und diese auch entsprechend sortieren können, um die für uns richtigen Entscheidungen zu treffen? Meiner Meinung nach, ist ein Weg dahin, der, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwirklichen. Vielleicht wäre eine Welt in der die Lohnarbeit der Vergangenheit angehört und wir alle selbstbestimmt unser Leben mit einem Grundeinkommen gestalten können, eine Variante. Wenn wir nicht mehr jede Arbeit annehmen müssten, um Geld zu verdienen, dann gäbe es viele Jobs einfach nicht mehr und das sind Jobs, die niemand vermissen würde. Andere Bereiche wie Sorgearbeit und Landwirtschaft könnten umgestaltet werden, wovon wir alle und letztlich der ganze Planet profitieren würden.

Ich schreibe in dieser Zeit in meinen Gedichten viel über die Entmachtung der Mächtigen. Da für mich Machtgefälle oft Ursachen für Ungerechtigkeiten sind. Damit meine ich nicht Gewaltanwendung und auch nicht unbedingt Revolution. Ich meine damit eine nachhaltige Umwälzung der Verhältnisse. So oder so, Ungerechtigkeiten werden dieses System wohl bald zum Kippen bringen. Die Frage ist, in welche Richtung es fällt: Leid und Schmerz für die Menschheit und alle Lebewesen auf der Erde oder ein Gutes Leben für alle.

Ich fühle mich dazu aufgerufen, mir nach bestem Wissen und Gewissen die Informationen zu holen, die mich befähigen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn nur, wenn ich zufrieden bin mit meinem Leben oder auch nur die Hoffnung auf Zufriedenheit im Leben sehe, gibt mir das auch Hoffnung zusammen mit anderen das Ruder herumzureißen und dem Sturm zu trotzen, den wir heraufbeschworen haben.

Vielleicht die Selbstverwirklichung der Einen der Grund gewesen für die Misere, aber immer auch gibt es die Menschen, die miteinander kooperieren, die auch mal altruistisch handeln, Generationen voraus planen und vor allem Zusammenhänge erkennen. Warum schätzen wir solches Verhalten nicht als zukunftsweisend und zukunftssichernd? Ich habe viele Vorbilder, die so gehandelt haben und es gibt unzählige Menschen, die gegenwärtig so handeln. Ich ziehe meinen Hut vor Menschen wie Virginia Woolf oder Elisabeth Kolbert und werde mein Bestes tun – auf meine ganz persönliche Art – zu versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen und damit die Erde, unser aller Raumschiff, zu erhalten.

JB-06-2019

Essay aus dem All

In vier Bibliotheken bin ich in Leipzig angemeldet: der Stadtbibliothek, der der feministischen Bibliothek Mona Liesa, der Hochschulbibliothek der HTWK und der Umweltbibliothek des Ökolöwen. All das Wissen, zu dem ich Zugang habe, überwältigt mich sehr oft. Da denke ich noch nicht mal ans Internet, obwohl ich auch zum Thema Internet schon viel gelesen habe und noch mehr Bücher darüber bei mir im Schrank liegen – ungelesen.

Meine neueste Errungenschaft, ist ein Buch mit dem Titel Wild Wild Web. Ich habe das in einem tollen Buchladen auf der Feinkost erstanden. Da geh ich nie raus, ohne ein Buch gekauft zu haben.

Und ich musste es einfach kaufen, da … ja, warum eigentlich, wenn ich doch einen riesigen Stapel ungelesener Bücher daheim liegen haben, egal ob nun gekauft oder in einer der Bibliotheken ausgeliehen?

Ich möchte mich informieren, ich möchte auf dem neuesten Stand sein, aber auch Themen und Ereignisse durchschauen und hinterfragen können. Die Renaissance hat mich schon immer begeistert, mit ihren umfassend gebildeten Menschen, die auch versuchen aus dem vorherrschenden Weltbild schlau zu werden und darüber hinaus zu schauen: Was ist da noch? Wer sind wir? Wo kommen wir her? Diese Fragen eben, die in unserem heutigen schnelllebigen Alltag oft untergehen, wenn wir uns nicht gerade die Zeit nehmen, sie zu studieren und die trotz Alltag doch oft ins Bewusstsein treten, als wären allein die Fragen der Grund allen Seins. Gern möchte auch ich über den Zeitgeist hinaus denken: „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt, das so vortrefflich ausgedrückt hat.


Nur leider ist da diese Flut an Informationen. Vielleicht deswegen all die Bücher in meinem Regal, weil darin Informationen zu einem Thema vorsortiert und aufgearbeitet werden und ich lesen kann, ohne dass ich gleich die Querverweise oder auch nur die Fußnoten beachten müsste. Beim Surfen im Internet ergeht es mir anders: Ein Klick auf einen Link im Text und ich bin schon beim nächsten Thema und speichere mir den vorherigen Artikel fürs spätere Lesen. Wann auch immer das sein wird. Das überfordert mich oft so sehr, dass sich mein Geist in den Urlaub begibt und sich mit weniger aufreibenden Themen beschäftigt.

Dabei recherchiere ich wirklich gern. Vor dem Schreiben meiner Diplomarbeit, in der es auch ums Internet geht, habe ich mir ein halbes Jahr Zeit genommen, um alles zu lesen worauf ich besondere Lust hatte und nichts davon hatte mit Internet zu tun. Vor allem ging es um die Jungsteinzeit. Das zum Thema: „Wo kommen wir her?“ Dabei bin ich auf ein Buch gestoßen, was mein Weltbild ins Wanken gebracht hat. Riane Eisler schreibt in „Kelch und Schwert“ von einer hunderte Jahre währenden Zeit des Friedens und des Wohlstandes im Zweistromland.

Warum das für mich so eindrücklich war? Im Geschichtsunterricht hatte ich in meiner Schulzeit bis dahin gelernt, dass Frieden eine oft kurze Phase zwischen zwei kriegerischen Auseinandersetzungen sei. Ich lernte so zum Beispiel die Daten des Dreißigjährigen Krieges auswendig und wer gegen wen aus welchem Grund kämpfte. So ging das weiter Herrscher folgte auf Herrscher und Umsturz auf Umsturz. Die Botschaft, die bei mir im Unterricht ankam, lautete, sei froh und zufrieden, dass du in einer der seltenen stabilen Phasen aufwächst, das ist eher die Ausnahme. Aber das das nicht immer so war, hatte mir bis zu meiner Recherche niemand vermittelt. Weltfrieden, das klang immer wie ein utopisches Ziel, das in einer unerreichbaren Zukunft zu liegen schien. Vielleicht genau die unerreichbare Zukunft in der ich meinen „Zu Lesen Stapel“ auf Null reduziert hätte. Das das allen nicht nur möglich sondern schon mal Wirklichkeit gewesen ist, das ging nur schwer in meinen Kopf.

Überhaupt bewundere ich Menschen, die sich das für mich Unvorstellbare vorstellen können, so wie zum Beispiel, wie das Universum entstanden ist, was vorher vielleicht war und was passiert, wenn ich einen Schuh in ein Schwarzes Loch werfen. Stephen Hawking war so jemand, Neil de Grasse Tyson ist so jemand und kann unglaublich gut erklären unterstützt von den tollen Bildern in der Dokureihe „Unser Kosmos“. Bei einem Praktikum durfte ich schon einmal dem Vortrag eines Astronomen lauschen und diesen auch gleichzeitig filmisch dokumentieren. Am Ende des Vortrags, ging es darum, wie höhere Dimensionen aussehen könnten und als Bild verwendete er aneinander lehnende Toastscheiben. So was bleibt in meinem Gedächtnis haften, auch ohne Marmelade.

Immer wenn ich mir diesen Vortrag anschaue, macht alles Sinn, und ist den Metaphern sei dank auch anschaulich und einprägsam. Selbst könnte ich das aber nicht so erklären und irgendwann verliere ich auch die Zusammenhänge und mein Wissen über die Metaphysik beschränkt sich wieder auf solche Metaphern oder Schlagworte wie „Spukhafte Verschränkung“, weil das für mich auch so unendlich romantisch klingt. Sogar Jim Jarmusch hat das in seinem Film „Only Lovers Left Alive“ eingebaut. Es geht da in etwa um zwei Teilchen, die räumlich voneinander getrennt werden und aber gleichzeitig ohne sichtbare Verbindung beide gleichzeitig die Ladung ändern, wenn eins der Teilchen einen Impuls dazu erhält. Also ich finde, das klingt romantisch.

So ist das aber mit meiner Vorstellungskraft, sie wird inspiriert von den Ideen und Beweisen von Experten und dann mixe ich mir daraus mein Weltbild und kreiere daraus wiederum Bilder und Texte – Impressionen halt.

Im Studium bezeichnete das der Prof. als uses-and-gratification approach, ein Ansatz, der frei übersetzt aussagt, dass wir uns dass am besten merken, was unseren Vorstellungen, unseren Meinungen und auch unserem Wissensstand am ehesten entspricht und alles gegensätzliche eher vergessen. „Willkommen in der Filterblase!“ Mir kam das damals sehr plausibel vor, darum habe ich es mir wohl bis heute gemerkt.

Was mich an der Metaphysik reizt, ist, dass ich da aufgefordert werde, über meinen Tellerrand zu schauen und auch Fragen vorfinde, auf die es noch keine Antworten gibt, jedenfalls keine, die feststehen. Da ist dann soviel Raum für die eigene Phantasie. Es gibt ja auch diese tollen Bilder, die das All zeigen und die dunkle Materie darin sichtbar machen. Das sieht dann aus wie ein zentrales Nervensystem. Bei solchen Übereinstimmungen bin ich sofort wieder in meinen uses-and-gratification Modus und höre mein spirituelles Selbst sagen: „Wie oben so auch unten.“ Dann ist unsere Erde halt ein Staubkorn unseres Sandstranduniversums. Aber auch wenn ich diese Perspektive einnehme, erkenne ich da Raum und Sinn und auch irgendeine Ordnung und jedes Leben will gelebt sein.

Zum Stichwort Perspektive fällt mir noch der Astronaut Alexander Gerst ein. Auf meinen Streifzügen im Internet, bin ich auf seine Videobotschaft gestoßen, in der er zu seinen noch nicht existierenden Enkelkindern spricht, während er auf die Erde blickt. Ich war davon sehr gerührt, gerade weil er eine Perspektive eingenommen hat, die nur wenige Menschen vor ihm hatten und wer weiß schon wie viele sie nach ihm haben werden. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir die Erde schützen müssen, da sie einzigartig ist und die Betonung liegt wohl auf dem Wir. Er hat sich außerdem bei seinen Enkeln dafür entschuldigt, dass wir, in meinen Worten gesprochen, gerade soviel Mist bauen. Seine Botschaft war auch so eine Art mündlicher Essay aus dem All. Und wie Greta Thunbergs Appell hat er Eindruck bei mir hinterlassen.

Es wäre so schön, wenn alle Menschen bald zu diesem Schluss kämen, ohne das wir uns alle die Erde erst von oben anschauen müssen. Vielleicht hilft ja der uses-and-gratification-approach dabei. Nicht zuletzt sollte eine grundlegende Fähigkeit des Menschen dabei behilflich sein: die Empathie. Wenn wir schon nicht wissen, was war, bevor es die Zeit und den Raum gab oder auch was danach kommen wird, dann möchten wir uns doch wenigstens hier und jetzt einfühlen können in unser Gegenüber. Damit wäre schon viel getan meiner Meinung nach.

JB-1-2019

Streetart in Leipzig aufgenommen