Warum Spatzen für mich die wichtigsten Geschöpfe auf der Erde sind

Heute im Park beim Lesen spazierten die Spatzen auf den frühlingshaft grünen Zweigen umher und tschilpten sich zu.

Heute auf dem Weg nach Hause vom Einkauf, flog so ein Spatz an mir vorbei und mir kam ein Gedanke: Für mich sind Spatzen die wichtigsten Wesen auf der Erde. Es wird nicht einfach sein, das Warum zu erläutern, aber ich werde es in diesem Text versuchen; auch weil heute Weltspatzentag ist, wie ich beim Scrollen in Facebook erfahren durfte, habe ich mich entschlossen diesem Gedanken nachzugehen.

Heute ist ebenso Tag des Glücks, wie meine Eltern am Telefon erzählten, was für mich super zusammen passt: Glück wie Vierblättriger Klee, Fliegenpilz oder halt Spatzentschilpen. Die Frage stellt sich nur, wer diese „Tage des …“ festlegt? Gibt es da ein Komitee, was sich damit beschäftigt? Aber ich schweife ab. Zurück zu den unauffälligen und vielleicht deswegen sehr lauten Haussperlingen, wie sie in der Vogelkunde genannt werden.

Aufgewachsen bin ich in einem Haus mit bröckligem Putz und vielen Ritzen. Prädestiniert für eine Spatzenkolonie. Solange ich hören kann, höre ich ihr Tschilpen also. Schon als Baby im Kinderwagen und auch als kleines Kind. Als Jugendliche hab ich dann oft mit Kopfhörern Musik gehört aber nie, um die Spatzen auszublenden. Das war für mich auch Musik. Musik, die ich hier in Leipzig wieder an einigen Ecken höre. Und ja, das ist dann für mich ein nostalgisches Glücksgefühl an Kindheit mit viel Raum und Zeit.

Ein Dilemma ist es da, dass ich auch Katzen sehr mag, die wie alle wissen Spatzen zum Fressen gern haben. Eine Episode meiner Jugend: Ich sollte Wäsche auf dem Wäscheboden aufhängen. Meine Katzenfreundin Biene wollte unbedingt mitkommen. Ich ließ sie und als ich mit Wäsche aufhängen beschäftigt war, hörte ich auf einmal aufgeregtes Tschilpen. Da kam auch schon Biene angelaufen mit einem toten Spatzenküken im Maul. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen deswegen, denn ich hatte Eins und Eins nicht zusammen gezählt. Unsere Spatzenkolonie brütete unter dem Dach und vom Dachboden aus war es für eine Katze ein leichtes die Nester zu erreichen. Das war mir aber eine Lehre für die Zukunft und ist mir nicht nochmal passiert.

Warum nun sind diese Vögel mir so wichtig? Das mit der Nostalgie ist vielleicht klar geworden. Des weiteren sind Haussperlinge für mich der Inbegriff der Stadtnatur. Sie sind angewiesen auf Hecken, in denen sie nisten und ruhen können. Sie brauchen Nahrung in Form von Raupen und Samen. Das alles gibt es in einer „aufgeräumten“ Stadt leider nicht mehr. Alles wilde, alle Spielplätze für die Natur sind da schon den Baggern und Neubauten gewichen. Noch ist es in Leipzig nicht ganz still, aber mir fallen umso mehr die Inseln der Spatzen auf, die noch übrig geblieben sind. Und es wird gebaut und gebaut.

Warum ich das so schlimm finde? Ich finde das schlimm, weil ich mich nicht als Krone der Schöpfung ansehe. Als Mensch sehe ich mich nicht über anderen Lebewesen stehen. Ich versuche auch danach zu leben, was sehr schwer fällt, wenn ich mir vor allem meinen Speiseplan anschaue. Ich will auch nicht predigen. Ich will versuchen, verständlich darzulegen, warum mein Leben nicht wertvoller ist als das eines Spatzen, was meine vollste Überzeugung ist. Und dann erkläre ich sogar, warum er für mich wichtiger ist als meine eigene Spezies, wie die Überschrift ja provokanter weise ausdrückt.

Es gibt Lebewesen auf der Erde, die schon so lange existieren als Art, sich immer weiter entwickeln bis hin zur Perfektion. Der Mensch gehört für mich sicher nicht zu diesen Lebenwesen; Bakterien, Viren oder Pilze, sind da schon näher dran. Zugegeben sie haben auch Vorsprung was die Zeit angeht, in der sie sich entwickeln konnten. Überhaupt, wenn ich daran denke, wie großspurig die Spezies Mensch von sich denkt, dann ist da wohl ein riesiger Minderwertigkeitskomplex am Start. Da muss an Evolutionsjahren einiges kompensiert werden mit hoher Denkleistung, Bewusstseinswerdung und vielen, vielen positiven Mantras. Oder anders ausgedrückt: Größenwahn.

Wie soll das auch anders sein, wenn mensch sich sogar seiner nächsten Verwandtschaft den Affen schämt? Lange Zeit wollten wir diese Verwandtschaft ja auch nicht anerkennen und es gibt immer noch genug Vertreter von Homo Sapiens, für die die Erde eine Scheibe ist, sieben Tage lange im größten Pizzasteinofen des Universums von Gott gebacken. Da hat so was wie Evolution keinen Platz und die Menschen haben von Papa ja auch den Freifahrtschein bekommen über die Erde zu herrschen, sie sich Untertan zu machen und sie dann, wie ein spielendes Kind das Kinderzimmer, zu verwüsten. Nicht mein Weltbild!

Mein Weltbild hat viel mehr mit einem Kreis zu tun als mit einem nach oben spitzen Dreieck. Ich meine Kreis im Sinne von dem „Circle of Life“. In dieser Grafik sind wir eine ganz kleine Nummer, wenn auch unser „Impact“ verheerend ist. Und in diesem Kreis des Lebens sehe ich auch dass Spatzen schon so einiges überlebt haben. Wie andere Vögel sind sie die Nachfahren von den Dinosauriern. Sie hatten Zeit so geniale Sachen wie Federn zu entwickeln und fliegen zu lernen. (Achtung „Flugneid“ nicht ausgeschlossen.) Sie haben sich wie Wolf und Katze entschieden in der Nähe des Menschen zu leben. Wobei sie wohl wiederum mehr mit Katzen gemein haben, die auch gut ohne Menschen auskommen können, wenn es denn drauf ankommt.

Und nun sind auch diese Tiere, die solange so gut überlebt haben am Verschwinden. Diesen Spruch von Einstein oder Maurice Materlinck finde ich sehr passend: „Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen“. Für mich und auf Spatzen übertragen heißt das: „Wenn die Spatzen aus meinem Leben verschwinden, geht mit ihnen für immer auch meine geistige Gesundheit.“ Und da mir diese sehr wichtig ist und ich auch schon weiß, wie es sich ohne anfühlt, sind mir Spatzen wichtiger als ich selbst es bin.

Haussperling im Wildpark Leipzig

JB-20-März-2019

Essay aus dem All

In vier Bibliotheken bin ich in Leipzig angemeldet: der Stadtbibliothek, der der feministischen Bibliothek Mona Liesa, der Hochschulbibliothek der HTWK und der Umweltbibliothek des Ökolöwen. All das Wissen, zu dem ich Zugang habe, überwältigt mich sehr oft. Da denke ich noch nicht mal ans Internet, obwohl ich auch zum Thema Internet schon viel gelesen habe und noch mehr Bücher darüber bei mir im Schrank liegen – ungelesen.

Meine neueste Errungenschaft, ist ein Buch mit dem Titel Wild Wild Web. Ich habe das in einem tollen Buchladen auf der Feinkost erstanden. Da geh ich nie raus, ohne ein Buch gekauft zu haben.

Und ich musste es einfach kaufen, da … ja, warum eigentlich, wenn ich doch einen riesigen Stapel ungelesener Bücher daheim liegen haben, egal ob nun gekauft oder in einer der Bibliotheken ausgeliehen?

Ich möchte mich informieren, ich möchte auf dem neuesten Stand sein, aber auch Themen und Ereignisse durchschauen und hinterfragen können. Die Renaissance hat mich schon immer begeistert, mit ihren umfassend gebildeten Menschen, die auch versuchen aus dem vorherrschenden Weltbild schlau zu werden und darüber hinaus zu schauen: Was ist da noch? Wer sind wir? Wo kommen wir her? Diese Fragen eben, die in unserem heutigen schnelllebigen Alltag oft untergehen, wenn wir uns nicht gerade die Zeit nehmen, sie zu studieren und die trotz Alltag doch oft ins Bewusstsein treten, als wären allein die Fragen der Grund allen Seins. Gern möchte auch ich über den Zeitgeist hinaus denken: „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt, das so vortrefflich ausgedrückt hat.


Nur leider ist da diese Flut an Informationen. Vielleicht deswegen all die Bücher in meinem Regal, weil darin Informationen zu einem Thema vorsortiert und aufgearbeitet werden und ich lesen kann, ohne dass ich gleich die Querverweise oder auch nur die Fußnoten beachten müsste. Beim Surfen im Internet ergeht es mir anders: Ein Klick auf einen Link im Text und ich bin schon beim nächsten Thema und speichere mir den vorherigen Artikel fürs spätere Lesen. Wann auch immer das sein wird. Das überfordert mich oft so sehr, dass sich mein Geist in den Urlaub begibt und sich mit weniger aufreibenden Themen beschäftigt.

Dabei recherchiere ich wirklich gern. Vor dem Schreiben meiner Diplomarbeit, in der es auch ums Internet geht, habe ich mir ein halbes Jahr Zeit genommen, um alles zu lesen worauf ich besondere Lust hatte und nichts davon hatte mit Internet zu tun. Vor allem ging es um die Jungsteinzeit. Das zum Thema: „Wo kommen wir her?“ Dabei bin ich auf ein Buch gestoßen, was mein Weltbild ins Wanken gebracht hat. Riane Eisler schreibt in „Kelch und Schwert“ von einer hunderte Jahre währenden Zeit des Friedens und des Wohlstandes im Zweistromland.

Warum das für mich so eindrücklich war? Im Geschichtsunterricht hatte ich in meiner Schulzeit bis dahin gelernt, dass Frieden eine oft kurze Phase zwischen zwei kriegerischen Auseinandersetzungen sei. Ich lernte so zum Beispiel die Daten des Dreißigjährigen Krieges auswendig und wer gegen wen aus welchem Grund kämpfte. So ging das weiter Herrscher folgte auf Herrscher und Umsturz auf Umsturz. Die Botschaft, die bei mir im Unterricht ankam, lautete, sei froh und zufrieden, dass du in einer der seltenen stabilen Phasen aufwächst, das ist eher die Ausnahme. Aber das das nicht immer so war, hatte mir bis zu meiner Recherche niemand vermittelt. Weltfrieden, das klang immer wie ein utopisches Ziel, das in einer unerreichbaren Zukunft zu liegen schien. Vielleicht genau die unerreichbare Zukunft in der ich meinen „Zu Lesen Stapel“ auf Null reduziert hätte. Das das allen nicht nur möglich sondern schon mal Wirklichkeit gewesen ist, das ging nur schwer in meinen Kopf.

Überhaupt bewundere ich Menschen, die sich das für mich Unvorstellbare vorstellen können, so wie zum Beispiel, wie das Universum entstanden ist, was vorher vielleicht war und was passiert, wenn ich einen Schuh in ein Schwarzes Loch werfen. Stephen Hawking war so jemand, Neil de Grasse Tyson ist so jemand und kann unglaublich gut erklären unterstützt von den tollen Bildern in der Dokureihe „Unser Kosmos“. Bei einem Praktikum durfte ich schon einmal dem Vortrag eines Astronomen lauschen und diesen auch gleichzeitig filmisch dokumentieren. Am Ende des Vortrags, ging es darum, wie höhere Dimensionen aussehen könnten und als Bild verwendete er aneinander lehnende Toastscheiben. So was bleibt in meinem Gedächtnis haften, auch ohne Marmelade.

Immer wenn ich mir diesen Vortrag anschaue, macht alles Sinn, und ist den Metaphern sei dank auch anschaulich und einprägsam. Selbst könnte ich das aber nicht so erklären und irgendwann verliere ich auch die Zusammenhänge und mein Wissen über die Metaphysik beschränkt sich wieder auf solche Metaphern oder Schlagworte wie „Spukhafte Verschränkung“, weil das für mich auch so unendlich romantisch klingt. Sogar Jim Jarmusch hat das in seinem Film „Only Lovers Left Alive“ eingebaut. Es geht da in etwa um zwei Teilchen, die räumlich voneinander getrennt werden und aber gleichzeitig ohne sichtbare Verbindung beide gleichzeitig die Ladung ändern, wenn eins der Teilchen einen Impuls dazu erhält. Also ich finde, das klingt romantisch.

So ist das aber mit meiner Vorstellungskraft, sie wird inspiriert von den Ideen und Beweisen von Experten und dann mixe ich mir daraus mein Weltbild und kreiere daraus wiederum Bilder und Texte – Impressionen halt.

Im Studium bezeichnete das der Prof. als uses-and-gratification approach, ein Ansatz, der frei übersetzt aussagt, dass wir uns dass am besten merken, was unseren Vorstellungen, unseren Meinungen und auch unserem Wissensstand am ehesten entspricht und alles gegensätzliche eher vergessen. „Willkommen in der Filterblase!“ Mir kam das damals sehr plausibel vor, darum habe ich es mir wohl bis heute gemerkt.

Was mich an der Metaphysik reizt, ist, dass ich da aufgefordert werde, über meinen Tellerrand zu schauen und auch Fragen vorfinde, auf die es noch keine Antworten gibt, jedenfalls keine, die feststehen. Da ist dann soviel Raum für die eigene Phantasie. Es gibt ja auch diese tollen Bilder, die das All zeigen und die dunkle Materie darin sichtbar machen. Das sieht dann aus wie ein zentrales Nervensystem. Bei solchen Übereinstimmungen bin ich sofort wieder in meinen uses-and-gratification Modus und höre mein spirituelles Selbst sagen: „Wie oben so auch unten.“ Dann ist unsere Erde halt ein Staubkorn unseres Sandstranduniversums. Aber auch wenn ich diese Perspektive einnehme, erkenne ich da Raum und Sinn und auch irgendeine Ordnung und jedes Leben will gelebt sein.

Zum Stichwort Perspektive fällt mir noch der Astronaut Alexander Gerst ein. Auf meinen Streifzügen im Internet, bin ich auf seine Videobotschaft gestoßen, in der er zu seinen noch nicht existierenden Enkelkindern spricht, während er auf die Erde blickt. Ich war davon sehr gerührt, gerade weil er eine Perspektive eingenommen hat, die nur wenige Menschen vor ihm hatten und wer weiß schon wie viele sie nach ihm haben werden. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir die Erde schützen müssen, da sie einzigartig ist und die Betonung liegt wohl auf dem Wir. Er hat sich außerdem bei seinen Enkeln dafür entschuldigt, dass wir, in meinen Worten gesprochen, gerade soviel Mist bauen. Seine Botschaft war auch so eine Art mündlicher Essay aus dem All. Und wie Greta Thunbergs Appell hat er Eindruck bei mir hinterlassen.

Es wäre so schön, wenn alle Menschen bald zu diesem Schluss kämen, ohne das wir uns alle die Erde erst von oben anschauen müssen. Vielleicht hilft ja der uses-and-gratification-approach dabei. Nicht zuletzt sollte eine grundlegende Fähigkeit des Menschen dabei behilflich sein: die Empathie. Wenn wir schon nicht wissen, was war, bevor es die Zeit und den Raum gab oder auch was danach kommen wird, dann möchten wir uns doch wenigstens hier und jetzt einfühlen können in unser Gegenüber. Damit wäre schon viel getan meiner Meinung nach.

JB-1-2019

Streetart in Leipzig aufgenommen