Selbstverwirklichung, eine evolutionäre Sackgasse?

Kommt vielleicht auf das Selbst an, oder das Ich. Kommt darauf an, was unter dem Ich schlummert und gern mal die Richtung weist, wenn es nicht weiter geht im Alltag, in gefühlten Schlüsselmomenten, oder wenn ich rückwärts die Einbahnstraße raus schleiche, in die ich mich manövriert habe – jahrelang und vor allem emotional. „Was wird das hier?“, fragen sich nun die Leser. Meine Antwort: „Eine Weltgeschichte!“

Wer bin ich, frage ich mich, wenn ich in den Spiegel schaue, auf den ein Sticker geklebt ist, auf dem geschrieben steht: „Warning – Reflections in this mirror may be distorted by socially constructed ideas of ‚beauty‘.“ Irgendjemand hat versucht, diesen Aufkleber wieder zu entfernen. Aber er war hartnäckig – der Aufkleber – und ich frage mich, was ist schlimmer, zu hinterfragen und sein Leben nach den Antworten zu gestalten, die mir gegeben werden oder ungefragt mit Wahrheiten konfrontiert zu werden, auf die mensch nicht vorbereitet war und vielleicht nie von selbst auch nur auf die Frage gekommen wäre.

Ich glaube, gerade geht es vielen Menschen auf der Nordhalbkugel so, die sich eigentlich einfach nur über das sonnige Wetter freuen und die nur Sorge haben, dass ihr Eis zu schnell schmilzt. Während ich mich um Stadt- und Waldbäume, Gebüsch, Getier und die Polkappen sorge, welche mit der Klimakrise kämpfen. War das meine Entscheidung oder wurde ich da hineingeboren? Irgendwie schon letzteres, aber ich will nicht zu weit ausholen. Ich esse jetzt jedenfalls gern veganes Eis für 2 Euro die Kugel. Ist auch keine super Lösung aber das Gewissen ….

Mein Gewissen und die Sicht auf die Zusammenhänge, lassen mich auf die Straße gehen, ob nun für Ein Europa für alle oder bei einem Trauermarsch für die aussterbenden Arten. Ich fühl mich dabei erst mal gut, bin aufgeregt und freue mich über die vielen Menschen, die zusammen kommen, um zu zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, dass die Welt an die Wand gefahren wird. Ich bin ergriffen, wenn ich sehe, dass Gothics, die für aussterbende Arten getragenen Schritts durch die Innenstadt laufen, bei den Umstehenden Diskussionen über die Eisbären auslösen. Aber reicht das? Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wir sind alle Betroffen und dies ist eine Krise, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Vom Selbst übers ich zum Wir. Ich habe gelesen, dass wir, also wir Menschen, kooperative Tiere sind. Wir haben uns unter anderem so vermehrt und ausgebreitet, weil es uns möglich ist, zusammen zu arbeiten. Wir sprechen miteinander, teilen uns mit und tauschen uns aus. Streit gehört auch dazu. Wir leben und arbeiten in Gruppen, Cliquen, Teams. Wir besuchen Konzerte, auf denen wir anderen zujubeln, die uns aus der Seele sprechen. Wir lieben uns und hassen uns auch. Ich muss daran denken, wie sehr mein fehlender Selbstwert, mich daran gehindert hat, auf Menschen zuzugehen und wie oft das als Arroganz fehlinterpretiert wird. Das ist alles so komplex aber halt auch spannend.

Und wieder die Frage: Wo geht es hin mit diesem Text? Gefühl! Gefühl wird ausgelöst durch mein Gegenüber, wird ausgelöst durch mein Selbst, was in meinem Gegenüber sich selbst erkennt oder eben nicht. Und nun wieder die Frage: Wenn ich mich selbst verwirkliche, hilft das jemand anderem und kann das am Ende sogar die Welt verbessern? Und ja, ich will die Welt verbessern. Gutmensch und so: Ich! Besser, weil unser Umgang mit Natur und Umwelt nur besser werden kann und auch muss. Wenn es so weitergeht wie bisher ist das schlecht für uns alle und auch unmöglich – ganz logisch betrachtet.

Wie kann ich mich nun selbst verwirklichen? Ich bräuchte Zeit und ein Selbstwertgefühl, das meinen inneren Zensor in Schach hält, ich bräuchte Geld, damit ich mir ein Dach über dem Kopf leisten kann, damit ich was zu essen kaufen kann und auch damit ich mir was zu schreiben leisten kann, denn mein innerstes Bedürfnis ist es, zu schreiben. Damit lerne ich mich besser kennen, damit kann ich vielleicht auch andere Menschen erreichen, so dass sie anfangen zu hinterfragen. Auch mich zu hinterfragen und den Sinn dieses Textes, natürlich gern. Virgina Woolf hat das so genial geschrieben in „A Room of One‘s Own“. Meine Zeit und mein Geld und mein Leben reichen für Texte wie diesen, Gedichte und täglich Tagebuch. Was würde ich fabrizieren, wenn ich mehr Zeit und oder Geld oder Leben hätte. Und wäre das alles relevant? Natürlich kann ich davon ausgehen, dass eine andere Person diese Art von Essay schon geschrieben haben könnte, vielleicht auch aussagekräftiger oder gar als wissenschaftlicher Essay. Zum Beispiel habe ich gerade das Buch: „Das 6. Sterben“ von Elisabeth Kolbert gelesen und danach müsste ich nichts mehr zu Klimakrise und Artensterben schreiben, weil sie als Wissenschaftsjournalistin das so grandios und fundiert berichtet, dass dazu alles gesagt scheint.

Dies hier jedoch ist mein persönlicher Versuch, dieses wichtige und zerschmetternde Thema mit meinem Selbst in Einklang zu bringen. Dies ist mein Versuch mit allem klarzukommen und gleichzeitig wird es gerade ein Appell an alle, die dies lesen, sich selbst die Frage zu stellen: „Was würde ich tun, wenn ich die Wahl hätte?“ Und sich dann zu fragen: „Warum denke ich, ich hätte keine Wahl?“ Ich lerne das auch gerade, jeden Tag frage ich mich in mindestens einer Situation: „Muss ich das jetzt wirklich mitmachen? Was wäre, wenn ich aufstehe und gehe? Was wäre, wenn ich meine Meinung sage? Was wäre, wenn ich mich aus meiner Komfortzone raus begebe?“ Klingt anstrengend und ist es auch. Aber es lohnt sich für mich. Beispiele? Ich bin zufriedener mit mir, da ich meine Bedürfnisse klarer äußere und damit auch mehr bei mir sein kann. Das ist eine neue Erfahrung für mich. Ich war früher davon überzeugt, mein Gegenüber müsste ahnen oder sogar wissen, was in mir vorgeht und was ich will. Aber da gehe ich von mir aus. Andere sind nicht so emphatisch. Das akzeptiere ich nun und oftmals gehe anders mit meinen Mitmenschen um. Ich bin gelassener, aber immer noch falle ich in alte Muster zurück und denke dann für andere mit oder will unterstützen, wo mein Rat nicht mal erbeten worden ist. Das schlaucht mich und ich verschließe mich dadurch irgendwann.

Ist der Abschnitt oben ein Beispiel für eine Innenschau, mit der nur die Schreibende etwas anzufangen weiß? Oder bringt das anderen Leuten etwas? Das ist die große Frage mit der ich mich oft beschäftige. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des kreativen Produkts, hat schon so manche verstummen lassen. Deswegen finde ich es praktisch, dass ich nicht vom Schreiben leben muss. Ich habe eine Teilzeitstelle und kann in meiner Freizeit kreativ sein. Ich entscheide frei, ob ich diesen Text auf meinem Blog veröffentliche oder nicht. Worüber ich keine Kontrolle habe, ist, wie ihn die Leute aufnehmen, was er ihnen gibt und was sie damit anfangen können.

Ist nun Selbstverwirklichung eine evolutionäre Sackgasse? In Elisabeth Kolberts Buch gibt es ein Kapitel namens „Das Wahnsinnsgen“. Es geht darin um die Neandertaler und darum, dass sie im Gegensatz zum Homo Sapiens, nie großartig in ihre Umwelt eingegriffen und diese somit umgestaltet haben, obwohl sie sich auch umeinander gekümmert haben und wohl auch intelligent genug gewesen wären. Der Mensch, wie er heute noch auf Erden wandelt, hingegen, hat sich nicht von reißenden Flüssen oder gar Meeren abhalten lassen, die Welt zu besiedeln und nach seinen Vorstellungen zu verändern. Dafür muss mensch schon etwas Wahnsinn in sich tragen aber vor allem Vorstellungskraft. Wir haben Kunstwerke und technologische Wunder geschaffen, sind aber auch seit langem dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Alles was wir uns in unserer Fantasie ausmalen können scheint Wirklichkeit zu werden, im Guten wie im Schlechten.

Liegt nun damit die Verantwortung Gutes zu planen und dann zu tun in jedem selbst, oder ist nicht auch die Gesellschaft gefragt, darauf hinzuwirken, dass wir genug Informationen haben und diese auch entsprechend sortieren können, um die für uns richtigen Entscheidungen zu treffen? Meiner Meinung nach, ist ein Weg dahin, der, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwirklichen. Vielleicht wäre eine Welt in der die Lohnarbeit der Vergangenheit angehört und wir alle selbstbestimmt unser Leben mit einem Grundeinkommen gestalten können, eine Variante. Wenn wir nicht mehr jede Arbeit annehmen müssten, um Geld zu verdienen, dann gäbe es viele Jobs einfach nicht mehr und das sind Jobs, die niemand vermissen würde. Andere Bereiche wie Sorgearbeit und Landwirtschaft könnten umgestaltet werden, wovon wir alle und letztlich der ganze Planet profitieren würden.

Ich schreibe in dieser Zeit in meinen Gedichten viel über die Entmachtung der Mächtigen. Da für mich Machtgefälle oft Ursachen für Ungerechtigkeiten sind. Damit meine ich nicht Gewaltanwendung und auch nicht unbedingt Revolution. Ich meine damit eine nachhaltige Umwälzung der Verhältnisse. So oder so, Ungerechtigkeiten werden dieses System wohl bald zum Kippen bringen. Die Frage ist, in welche Richtung es fällt: Leid und Schmerz für die Menschheit und alle Lebewesen auf der Erde oder ein Gutes Leben für alle.

Ich fühle mich dazu aufgerufen, mir nach bestem Wissen und Gewissen die Informationen zu holen, die mich befähigen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn nur, wenn ich zufrieden bin mit meinem Leben oder auch nur die Hoffnung auf Zufriedenheit im Leben sehe, gibt mir das auch Hoffnung zusammen mit anderen das Ruder herumzureißen und dem Sturm zu trotzen, den wir heraufbeschworen haben.

Vielleicht die Selbstverwirklichung der Einen der Grund gewesen für die Misere, aber immer auch gibt es die Menschen, die miteinander kooperieren, die auch mal altruistisch handeln, Generationen voraus planen und vor allem Zusammenhänge erkennen. Warum schätzen wir solches Verhalten nicht als zukunftsweisend und zukunftssichernd? Ich habe viele Vorbilder, die so gehandelt haben und es gibt unzählige Menschen, die gegenwärtig so handeln. Ich ziehe meinen Hut vor Menschen wie Virginia Woolf oder Elisabeth Kolbert und werde mein Bestes tun – auf meine ganz persönliche Art – zu versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen und damit die Erde, unser aller Raumschiff, zu erhalten.

JB-06-2019

Das Band

 Nägel unter meinen Füßen, ich trete zu.
Dann frage ich mich, was ich da tu,
Verliere den Verstand nur ungern.
Aufräumen: Mit Listen die Wahrheit ans Licht zerren.

Ungebetene Geschenke in der Hand.
Gefühle als Band um mein Genick.
Was ich mit Icons mit schick,
Ist Verstand und Gefühl auf des Messers Rand.

Und du merkst es nicht, weil dich dein Geist umkreist.
Die ganze Zeit, fragst du nicht: „Wie geht es dir?“
Bin ich ein Tier, dass ich das ertrage,
Ohne dass ich Aufstand wage?

Mein Budget an Worten ist erschöpft.
Ich rede mit Gesicht, Händen und Füßen.
Werde von Gleichgültigkeit fast geköpft,
Renne davon, will nicht mehr büßen.

Für eine Tat, die ich nie beging,
Wo ich wieder Worte fing.
Mit meinem Ohr Zeuge war.
Gespräche als Gefahr.

Und dann dieser Moment,
Der mich immer noch hemmt,
Geheimnisse behält für sich,
Wer leise aus dem Leben schlich.

Ich bin kein Loch in einem Baum,
Sprich nicht mit mir, als wäre es ein Traum.
Sag mir nicht, was du für dich behalten musst.
Rede nicht mehr mit mir nur von Leid und Verlust.

Meine Energie richtet sich jetzt aus.
Ich baue mir ein neues Haus.
In dem wieder Licht wohnt.
In dem Zuversicht thront.

Und wer anklopft, legt die Sorgen ab.
Mit dem Versprechen uns gegenseitig aufzubauen,
Verfällt die Liebe in Trab
Und Schöpft den Überfluss ab.

Was wir so teilen das vermehrt sich.
Aufbauen statt ein zu reißen.
Nicht mehr mit Worten um sich schmeißen.
Im Hier und Jetzt mit jemandem verweilen.

Oft fehlt uns das Vertrauen,
Dass die Straße nach der Kurve weiterführt.
Ich Will mich selbst aufbauen,
Mit dem Band der Freundschaft werde ich dafür wieder gekürt.

JB-05-2019

Gabe

 Fluch ist, wenn das Herz aufhört zu schlagen.
Flucht ist, wenn mein Kopf mich wanken lässt.
Gefahr, wie soll ich anders sagen,
Ist Furcht, dass was mich ausmacht, mich verlässt.
Der Spruch: „Du sollst dich selber finden!“,
Lässt mich bald mit mir selbst Verstecken spielen.
Will alles Suchen überwinden
Und mich dann im Dunkeln wieder Fühlen.
Wer hat das Schwarzlicht noch erfunden,
Das mich an Mond und Sternen zweifeln lässt?
Möchte gern im Traum das Spiegelland erkunden,
Dessen Dasein mich durch alle Tage hetzt.
Doch Gabe auch Gedanken in Gestalt zu sehen.
Und Gabe auch das Licht im Prisma aufzuspalten.
Die Verse, die daraus entstehen,
Farbenfrohe Wesen, die sich in mir selbst entfalten.


JB-03-2019

Parallelen

 Trapezübung mit einem Menschen,
Den ich nicht kenne und nicht wollen mag.
Das Gefühl, dass das Netz unter mir verschwindet.
Zuviel des Guten,
Wenn er mich von der Seite her anstarrt.
Sich dann mit Flüsterworten um mich windet.

Ich will fallen, um zu leben,
Mich mit Salto verabschieden aus dem Rampenlicht,
Ein Clown, der mein Verschwinden laut verkündet.
Soviel Freiheit, wenn der Zirkus, die Zelte abbricht.

Meine Gesichter zeige ich ohne Maske,
Meine Geschichten lösche ich von allen Platten.
Wer mich nicht kennt, den will ich spüren.
Gespräch mit einem Menschen,
Der noch nicht weiß, was wir aneinander hatten.
Die Parallelen sind wie Schienen, die uns zueinander führen.

Zusammenspiel statt Aufprall,
Wenn ich mich öffne und wachse im Frühlingslicht,
Du spendest mir im Sommer kühlen Schatten.
Ein Miteinander gibt es zwar noch nicht.

Doch all das Fühlen webt an neuen Netzen.
Gewahr der Schmerzen, die der Absturz brachte.
Bau ich an neuen Schienen sachte.
Zu dir hin verschiebe ich meinen Überschwang.
Setze mein Werden in Gang.
Wandle uns ein Leben lang.

Verzeih, die Pracht der Blütenberge,
Bekränzte dein Haupt, da ich die Nacht erwachte,
Und über meine Angst laut lachte,
Das du nicht du warst und ich sterbe.

So finde ich viele Parallelen,
Im Dasein wie im Gehen und in deinem Wesen.
In Liebe aufzuwachen und zu sehen,
Die Liebe schläft so sanft, sie wird genesen.
Tagwach und himmelstürmend wehen
Wir diesen Traum in viele Seelen.

JB-03-2019

Diagnosen sind die neuen Sternzeichen

Ich bin als paranoid schizophren diagnostiziert, aber in meinen Augen hat das ungefähr soviel Gewicht wie für andere das eigene Sternzeichen. Ehrlich gesagt hat mein Sternzeichen für mich mehr Gewicht. Die Frage ist doch, ob ich mich dadurch definiere, oder es als Begriff sehe, der etwas zusammenfasst, was sich eigentlich doch gar nicht zusammenfassen lässt. Nicht alle unter einem Sternzeichen geborenen sind gleich, so ist es auch mit Diagnosen. Und überhaupt, ist nicht eh alles am zerfließen, Schubladendenken ist Einbildung, oder etwa nicht?

Ich bin als paranoid schizophren diagnostiziert, aber in meinen Augen hat das ungefähr soviel Gewicht wie für andere das eigene Sternzeichen. Ehrlich gesagt hat mein Sternzeichen für mich mehr Gewicht. Die Frage ist doch, ob ich mich dadurch definiere, oder es als Begriff sehe, der etwas zusammenfasst, was sich eigentlich doch gar nicht zusammenfassen lässt. Nicht alle unter einem Sternzeichen geborenen sind gleich, so ist es auch mit Diagnosen. Und überhaupt, ist nicht eh alles am zerfließen, Schubladendenken ist Einbildung, oder etwa nicht?

Auch ich nutze Schubladen, um schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn mein Bauchgefühl gerade mit meinem Blinddarm zusammen Urlaub macht, irgendwo anders. Wo auch immer. Das heißt aber nicht, dass das immer die richtigen oder auch besten Entscheidungen waren und sind. Die besten Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus. Aber was heißt das? Heißt das nicht einfach, dass ich gesammelte Informationen so verknüpfe, dass mir eine Entscheidung so leicht fällt, oder auch einfach so plausibel erscheint, dass ich damit gut leben kann und auch für diese Entscheidung einstehe.

Wie ist das nun bei Astrolog*innen? Da gibt es ja verschiedene Schulen, da müssen sich die Guten schon mal für eine entscheiden und dann ist da oben wie unten und unten wie oben, was in Jahrhunderte alten Büchern steht. Ist das auf unser Jetzt einfach so übertragbar oder muss das angepasst werden? Mein Geburtshoroskop sagt mir zum Beispiel, dass ich in zwischenmenschlichen Beziehungen immer eine Herausforderung finden werde. Anders ausgedrückt, es ist nicht einfach für mich, es mit einer/m Partner*in auszuhalten. Ist auch so, schon das Wort Beziehung reizt mich, aber vielleicht ja auch, weil ich die Beschreibung zum Quadrat Venus und Mars gelesen habe und nun der Überzeugung bin, dass das bei mir schwierig ist. Hm, Henne oder Ei? Oder lieber doch Rührtofu?

Wie ist das nun bei Psychiater*innen? Da gibt es eigentlich nur eine Schule, da müssen sich die Guten schon mal nicht entscheiden und da ist dann alles kategorisiert und verschlagwortet und pathologisiert ja eh. Alles ist in Diagnosen aufgeschlüsselt und ein Spezialfach wird auch noch gewählt. Wie war das noch: Wenn wir uns viel mit Schwangerschaft beschäftigen, sehen wir auf einmal überall Schwangere? Dazu kommt, dass ja häufig Leute in schweren Krisen in die Klinik kommen und dann auch manchmal Drehtür-mäßig wiederkommen. Ich war selbst vor drei Jahren zwei Wochen zur Tablettenumstellung in der Klinik und vier Jahre davor und acht Jahre davor. Als ich das letzte Mal psychotisch war, wurde meinen Eltern empfohlen mich betreuen zu lassen und ich habe selbst meine Zukunft in einer geschützten Werkstatt gesehen. Nun habe ich wieder eine Arbeit auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ und kann diesen Text schreiben, was auch keine Selbstverständlichkeit ist.

Vieles wird geprägt durch die eingenommene Perspektive. Das ist meine Erfahrung. Viel ist Beobachtung und Reflexion. Wie die Katze in der Kiste, die nur lebt oder tot ist, solange wir darüber nachdenken. Daher beschäftige ich mich gern mit Physik und Fragen, die noch mehr Fragen hervorrufen, dadurch bleibt mein Geist rege und hat zu tun. Mein Geist hat dann soviel zu tun, dass ich mich freue. Und wenn das passiert, dann kommt da was ins Gleichgewicht. Genauso wie, wenn ich mit Leuten rede und meine Gedanken äußere, was ich mich lange Zeit nicht getraut habe. Da geht es dann vielleicht, um die Eigenschaften des Sternzeichens Jungfrau, und dass das ja irgendwie auch auf Leute mit anderen Sternzeichen zutreffen kann. Stimmt! Alles ist relativ. Hm, raus aus der Schublade und tanzen zu Möglichkeiten und dabei Käptn Peng hören. Wie ich es grad tue beim Schreiben dieses Textes. „Käptn Peng und die Tentakel von Delphi“ könnten eh in jeder Musiktherapie in jeder Klinik und überhaupt überall gespielt werden, zum Beispiel „Gelernt“, oder „Sockosophie“ oder „Kündigung 2.0“ oder „OHA“.

Das meiste macht also die Perspektive aus und ich hab mich dazu entschlossen es positiv zu sehen. Durch meine Krisen, habe ich meinen Horizont erweitert, teilweise Blockaden überwunden, teilweise Blockaden sichtbar gemacht. Heilung ist ein großes Wort bei Schizophrenie aber ich nehme mir nicht die Meinung vieler Psychiater zum Vorbild, dass es Heilung bei meiner Erkrankung nicht geben kann, sondern erinnere mich an all die Grenzen, die ich in mir aufgespürt und dann überwunden habe. Wachstum nennt sich das dann wohl. Ja, Wachstum ist das, in einer Form einer Spirale. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich schon mal war. Die Situation ist aber vielleicht vergleichbar, aber ich habe meine Perspektive geändert; ob nun mit Draufsicht oder Durchblick oder durch hinterfragendes Beobachten. Es wird mehrdimensional wo es früher paradox erschien. Und die Erleuchtung hat mich hinter Spiegel geführt, wo ich vielleicht einen kurzen Blick auf mein echtes Selbst erhaschen konnte, aber welcher Mensch erträgt schon so was, wenn er*sie nicht darauf vorbereitet worden ist. Alles was dann folgt, ohne die Leitung von Menschen, die mit Selbsterfahrung erfahren sind, wird höchstwahrscheinlich ausarten. Da sind alle diese Zäune, aus denen mein Umfeld ein Labyrinth gebaut hat, mit Konventionen, Regeln oder auch nur Redewendungen und ich bin dann einfach über diese Zäune gesprungen, statt dem Weg zu suchen und in allen Sackgassen zu landen, die das Leben der Anderen geprägt hat. Wen verstört das mehr?

Was dann war? Chaos im Kopf. Aber darum soll es mir jetzt nicht gehen. Ich hab Bock auf Lösungsorientierung. Und die Lösung ist es durchzustehen, sich eingestehen, dass ich Hilfe brauche und diese Hilfe anzunehmen, sich „zu verlieren“, „zu zersetzen“ und dann wieder neu zusammen zu puzzeln. Denn das alte Ich, das gibt es nicht mehr. Es ist ähnlich wie, wenn mich jemand teleportiert hätte auf einen anderen Planeten mit mehr oder weniger Schwerkraft als auf der Erde herrscht. Da ist nichts mehr, was mich in alten Bahnen hält, außer vielleicht die Leute, die mich vorher kannten. Aber da durch die Medis und was sonst noch, eh erst einmal Depression angesagt ist, erkennt dich eh keiner wieder. Und das kann Jahre lang so gehen, weil es auch dafür einen Namen gibt im Psychiaterjargon und das ja ganz „normal“ ist. Was alles normal ist! [Fügen Sie hier ihre persönlichen Nebenwirkungen ein.]

Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich erkenne, dass ich gewachsen bin. Und das nach Krisen die ich aus den „normalsten“ Gründen hatte. Ich kann es auch nicht ausschließen, dass mir „das“ wieder passiert. Aber dann ist es halt so und es wird weiter gehen. Die Angst, die mir vom Arzt über die Putzfrau alle in der Klinik eingeimpft haben, die hab ich ausgeschwitzt. Und wenn andere mich vielleicht in Zukunft oder gerade als manisch beschreiben würden, ich sage, ich bin „im Fluss“. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl der Verknüpfung und des Durchdringens des Seins an sich. Ich erkenne dann so viele Zusammenhänge und fühle mich verbunden mit Allem. Was mich stürzen lässt, ist der Wasserfall der Erkenntnis, dass ich allein nichts ausrichten kann. Und was mich aufprallen lässt ist der See der Gleichgültigkeit tief darunter. Meine Mitmenschen haben sich eingerichtet und alles und alle, die gegen die Norm verstoßen und vielleicht andere aufrütteln könnten, werden so schnell wie möglich wieder auf Linie gebracht.

So sehe ich nicht die Psychose, die Neurose, die Depression oder die Manie als das Problem, das sind doch wirklich nur Symptome, oder? Das Problem ist die Trägheit der Gesellschaft. „Psychisch Kranke“ sind vielleicht wie Kanarienvögel in einem Bergwerk. Sie merken zuerst, wenn die Luft dünn wird. Sie sacken zuerst zusammen. Diese Zeichen nicht anzuerkennen und „einfach so weiterzumachen“ ist der Todesstoß für unsere Weltgemeinschaft. Die Leute sind nicht aus Spaß auf der Straße und das gibt mir ja auch Hoffnung, dass so viele Leute sich auflehnen, hinterfragen und protestieren. Aber was, wenn das System kippt? Was wenn wir den „Tipping Point“ hinter uns lassen?

Greta Thunberg sagt es, wie es ist: Dies ist eine Krise und dementsprechend müssen wir handeln. Ich hatte schon mehrere Krisen, ich weiß, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn ich nur schnell genug handle und das Handeln besteht darin mich und meine Situation zu verändern: mein Verhaltensmuster, meine Denkmuster, meinen Umgang mit meiner Umgebung zu hinterfragen und sie meinen Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Das können wir auch im Großen: Annehmen, dass da ein Problem existiert, um Hilfe bitten und diese Hilfe auch annehmen. Die Lösungen für die großen Probleme gibt es oft bereits oder sie werden halt gemeinschaftlich geschaffen. Die Blockaden sind es die erkannt und überwunden werden müssen in welcher Form sie auch immer auftreten.
Wachstum nennt sich das sicher, vielleicht auch kulturelle Evolution. Wir haben alles was wir brauchen, unseren Kopf, unser Herz unser Bauchgefühl und ein Netz, dass sich über die Welt spannt und uns alle verbindet.

JB-02-2019

Flimmerland

Bin ich entstanden
Durch Raumgefühl?
Bleiben war mir zu viel
Das Licht ohne Konstanz
See aus Leere vor meinen Füßen
Wer will mich da begrüßen?
In dieser Blase aus Ego
War doch schon immer so
Allein im All
Umkreist der Schall den Fall
Wenn Hütten dann Paläste werden
Wird Hochmut abfärben?
Das Alte Lied
Wie ging es noch?
Den Plan geschmiedet
Und verraten
Die heeren Ziele
Die heiligen Taten
Flimmern wiederholt
Auf Flachbildschirmen
Ich zahl die Raten
Und Narziss johlt

Panzerglas

Grad bin ich so einsam, dass ich schreiben muss.
Bilder aus Glascherben im Kopf.
Die Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit ist es, die mich einschließt, die mich umfängt mit Vampirzähnen.
Niemand fühlt so tief, wie das unsichtbare Kind, fühlt Verlassenheit in den Armen eines Anderen.
Mein Auge und mein Herz aus Glas und du schlägst darauf ein Welt, Ordnung.
Du schlägst darauf ein – täglich, stündlich.
Doch auch Scherben sind Waffen, nicht gegen mich selbst. Nie mehr gegen mich selbst.
So wahr ich fühle, wie ich fast zerberste.
Und mein Herz, es schlägt.
Und mein Auge, es sieht.

Panzerglas

JB-12-2018

Zerrung – Heilung

Zerrung (JB-11-2018 unten wie oben)

Verwachsen mit einem Baum,
Die Schnur, die uns trennte
Inhaltlich unschlagbare Offenbarung
Ein Eid, denn die Haltung verrät dich
Rettungsring überall vergebens

Ulmen verschaffen mir einen Vorsprung
Bin in Gnade gefallen
Überhang alter Weisheiten
Seeungeheuer postet ihr bestes Selfie
Social Nessie

Gratspaziergang im All
10000 Würfelaugen
Allein mit Mikroben
Pustekuchen aufgegessen
Es treibt mich nach oben

Heilung (JB-11-2018 oben wie unten)

Essay aus dem All

In vier Bibliotheken bin ich in Leipzig angemeldet: der Stadtbibliothek, der der feministischen Bibliothek Mona Liesa, der Hochschulbibliothek der HTWK und der Umweltbibliothek des Ökolöwen. All das Wissen, zu dem ich Zugang habe, überwältigt mich sehr oft. Da denke ich noch nicht mal ans Internet, obwohl ich auch zum Thema Internet schon viel gelesen habe und noch mehr Bücher darüber bei mir im Schrank liegen – ungelesen.

Meine neueste Errungenschaft, ist ein Buch mit dem Titel Wild Wild Web. Ich habe das in einem tollen Buchladen auf der Feinkost erstanden. Da geh ich nie raus, ohne ein Buch gekauft zu haben.

Und ich musste es einfach kaufen, da … ja, warum eigentlich, wenn ich doch einen riesigen Stapel ungelesener Bücher daheim liegen haben, egal ob nun gekauft oder in einer der Bibliotheken ausgeliehen?

Ich möchte mich informieren, ich möchte auf dem neuesten Stand sein, aber auch Themen und Ereignisse durchschauen und hinterfragen können. Die Renaissance hat mich schon immer begeistert, mit ihren umfassend gebildeten Menschen, die auch versuchen aus dem vorherrschenden Weltbild schlau zu werden und darüber hinaus zu schauen: Was ist da noch? Wer sind wir? Wo kommen wir her? Diese Fragen eben, die in unserem heutigen schnelllebigen Alltag oft untergehen, wenn wir uns nicht gerade die Zeit nehmen, sie zu studieren und die trotz Alltag doch oft ins Bewusstsein treten, als wären allein die Fragen der Grund allen Seins. Gern möchte auch ich über den Zeitgeist hinaus denken: „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt, das so vortrefflich ausgedrückt hat.


Nur leider ist da diese Flut an Informationen. Vielleicht deswegen all die Bücher in meinem Regal, weil darin Informationen zu einem Thema vorsortiert und aufgearbeitet werden und ich lesen kann, ohne dass ich gleich die Querverweise oder auch nur die Fußnoten beachten müsste. Beim Surfen im Internet ergeht es mir anders: Ein Klick auf einen Link im Text und ich bin schon beim nächsten Thema und speichere mir den vorherigen Artikel fürs spätere Lesen. Wann auch immer das sein wird. Das überfordert mich oft so sehr, dass sich mein Geist in den Urlaub begibt und sich mit weniger aufreibenden Themen beschäftigt.

Dabei recherchiere ich wirklich gern. Vor dem Schreiben meiner Diplomarbeit, in der es auch ums Internet geht, habe ich mir ein halbes Jahr Zeit genommen, um alles zu lesen worauf ich besondere Lust hatte und nichts davon hatte mit Internet zu tun. Vor allem ging es um die Jungsteinzeit. Das zum Thema: „Wo kommen wir her?“ Dabei bin ich auf ein Buch gestoßen, was mein Weltbild ins Wanken gebracht hat. Riane Eisler schreibt in „Kelch und Schwert“ von einer hunderte Jahre währenden Zeit des Friedens und des Wohlstandes im Zweistromland.

Warum das für mich so eindrücklich war? Im Geschichtsunterricht hatte ich in meiner Schulzeit bis dahin gelernt, dass Frieden eine oft kurze Phase zwischen zwei kriegerischen Auseinandersetzungen sei. Ich lernte so zum Beispiel die Daten des Dreißigjährigen Krieges auswendig und wer gegen wen aus welchem Grund kämpfte. So ging das weiter Herrscher folgte auf Herrscher und Umsturz auf Umsturz. Die Botschaft, die bei mir im Unterricht ankam, lautete, sei froh und zufrieden, dass du in einer der seltenen stabilen Phasen aufwächst, das ist eher die Ausnahme. Aber das das nicht immer so war, hatte mir bis zu meiner Recherche niemand vermittelt. Weltfrieden, das klang immer wie ein utopisches Ziel, das in einer unerreichbaren Zukunft zu liegen schien. Vielleicht genau die unerreichbare Zukunft in der ich meinen „Zu Lesen Stapel“ auf Null reduziert hätte. Das das allen nicht nur möglich sondern schon mal Wirklichkeit gewesen ist, das ging nur schwer in meinen Kopf.

Überhaupt bewundere ich Menschen, die sich das für mich Unvorstellbare vorstellen können, so wie zum Beispiel, wie das Universum entstanden ist, was vorher vielleicht war und was passiert, wenn ich einen Schuh in ein Schwarzes Loch werfen. Stephen Hawking war so jemand, Neil de Grasse Tyson ist so jemand und kann unglaublich gut erklären unterstützt von den tollen Bildern in der Dokureihe „Unser Kosmos“. Bei einem Praktikum durfte ich schon einmal dem Vortrag eines Astronomen lauschen und diesen auch gleichzeitig filmisch dokumentieren. Am Ende des Vortrags, ging es darum, wie höhere Dimensionen aussehen könnten und als Bild verwendete er aneinander lehnende Toastscheiben. So was bleibt in meinem Gedächtnis haften, auch ohne Marmelade.

Immer wenn ich mir diesen Vortrag anschaue, macht alles Sinn, und ist den Metaphern sei dank auch anschaulich und einprägsam. Selbst könnte ich das aber nicht so erklären und irgendwann verliere ich auch die Zusammenhänge und mein Wissen über die Metaphysik beschränkt sich wieder auf solche Metaphern oder Schlagworte wie „Spukhafte Verschränkung“, weil das für mich auch so unendlich romantisch klingt. Sogar Jim Jarmusch hat das in seinem Film „Only Lovers Left Alive“ eingebaut. Es geht da in etwa um zwei Teilchen, die räumlich voneinander getrennt werden und aber gleichzeitig ohne sichtbare Verbindung beide gleichzeitig die Ladung ändern, wenn eins der Teilchen einen Impuls dazu erhält. Also ich finde, das klingt romantisch.

So ist das aber mit meiner Vorstellungskraft, sie wird inspiriert von den Ideen und Beweisen von Experten und dann mixe ich mir daraus mein Weltbild und kreiere daraus wiederum Bilder und Texte – Impressionen halt.

Im Studium bezeichnete das der Prof. als uses-and-gratification approach, ein Ansatz, der frei übersetzt aussagt, dass wir uns dass am besten merken, was unseren Vorstellungen, unseren Meinungen und auch unserem Wissensstand am ehesten entspricht und alles gegensätzliche eher vergessen. „Willkommen in der Filterblase!“ Mir kam das damals sehr plausibel vor, darum habe ich es mir wohl bis heute gemerkt.

Was mich an der Metaphysik reizt, ist, dass ich da aufgefordert werde, über meinen Tellerrand zu schauen und auch Fragen vorfinde, auf die es noch keine Antworten gibt, jedenfalls keine, die feststehen. Da ist dann soviel Raum für die eigene Phantasie. Es gibt ja auch diese tollen Bilder, die das All zeigen und die dunkle Materie darin sichtbar machen. Das sieht dann aus wie ein zentrales Nervensystem. Bei solchen Übereinstimmungen bin ich sofort wieder in meinen uses-and-gratification Modus und höre mein spirituelles Selbst sagen: „Wie oben so auch unten.“ Dann ist unsere Erde halt ein Staubkorn unseres Sandstranduniversums. Aber auch wenn ich diese Perspektive einnehme, erkenne ich da Raum und Sinn und auch irgendeine Ordnung und jedes Leben will gelebt sein.

Zum Stichwort Perspektive fällt mir noch der Astronaut Alexander Gerst ein. Auf meinen Streifzügen im Internet, bin ich auf seine Videobotschaft gestoßen, in der er zu seinen noch nicht existierenden Enkelkindern spricht, während er auf die Erde blickt. Ich war davon sehr gerührt, gerade weil er eine Perspektive eingenommen hat, die nur wenige Menschen vor ihm hatten und wer weiß schon wie viele sie nach ihm haben werden. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir die Erde schützen müssen, da sie einzigartig ist und die Betonung liegt wohl auf dem Wir. Er hat sich außerdem bei seinen Enkeln dafür entschuldigt, dass wir, in meinen Worten gesprochen, gerade soviel Mist bauen. Seine Botschaft war auch so eine Art mündlicher Essay aus dem All. Und wie Greta Thunbergs Appell hat er Eindruck bei mir hinterlassen.

Es wäre so schön, wenn alle Menschen bald zu diesem Schluss kämen, ohne das wir uns alle die Erde erst von oben anschauen müssen. Vielleicht hilft ja der uses-and-gratification-approach dabei. Nicht zuletzt sollte eine grundlegende Fähigkeit des Menschen dabei behilflich sein: die Empathie. Wenn wir schon nicht wissen, was war, bevor es die Zeit und den Raum gab oder auch was danach kommen wird, dann möchten wir uns doch wenigstens hier und jetzt einfühlen können in unser Gegenüber. Damit wäre schon viel getan meiner Meinung nach.

JB-1-2019

Streetart in Leipzig aufgenommen

Stimmenmeer

 Hab so oft erlebt,
wie Menschen in mein Leben treten.
Die Stimme, mit der sie mit mir reden,
Vergesse ich nie,
Ich fange sie ein mit meinen Ohren.

Weiß lang schon nicht mehr den Sinn der Dialoge,
Schwimme jedoch in Gedanken in vertrautem Stimmenklang herum,
Schöpfe aus Gesagtem neuen Sinn, erhalte dadurch wagen Schwung.
Mit viel Vergnügen schaff ich Stimm-Kaleiloskope.

Vertreib mir die Zeit, und kombiniere Möglichkeiten .
Werde nie satt von den erdachten Wahrheiten.
Vergesse vor lauter Fantasie fast auch die Wirklichkeit.
Und Leute sagen, sie ist still so lange Zeit.

Dabei ist in meinem Kopf ein Stimmenmeer.
Gaukelt mir vor, das alles, was ich will, auch wahr wär‘.
Verspricht mir Gutes, veräußert meine Geselligkeit,
Verlangt so oft meine volle Aufmerksamkeit.

Doch dann ein Lächeln und ein tiefer Blick.
Mensch holt mich in den Raum zurück, in dem ich sitze.
Macht vielleicht über Träumerei so manche Witze.
Ich lache mit und steh mit beiden Füßen wieder in der Alltagspfütze.

JB-1-2019
Auwald Leipzig, Pleiße

Bausatz fürs Wohlbefinden

Im Sternenzelt wie ausgekühlt, 
So sitz‘ ich hier,
Um den Kopf ganz zerwühlt,
Die Erde taumelt im All.
Gletscherschmelze mitgefühlt.

Im Viertel wird geschaut.
Im Haus wird geschlichen.
Im Traum werden riesige Welten erbaut.
Die Wolken sind bald bunt bestrichen,
Die Ungerechten ihres Goldtopfes beraubt.

Verzweiflung fühlt sich anders an,
Privileg erkannt und ins Äußere gehebelt.
Das Leben, wie ich es neu erfinden kann.
Den Regenbogen-Bausatz schon bestellt.
Wozu brauch ich da noch einen Mann?

Vor Müssen und Sollen will ich mich verstecken,
Vor Gram und Mühsal mein Haupt noch bedecken.
All die Leute, die mir ungekannt die Hand entgegenstrecken.
Wer will da nicht die Zuversicht in anderen Seelen wecken?
Will mich und andere Neu entdecken.

Das soll so sein: Verschenken und verdichten
Und geben will ich, um zu schlichten.
Mich selbst aufgeben mitnichten.
Wie die Vögel ihr Nest einrichten,
So kleide ich mein Leben in Geschichten.

JB-01-2019
Streetart – Sticker, Leipzig

Würfelaugen

Tu alles für den Tanz.
Und jetzt werd‘ ich beschreiben:
Der Faun auf meinen Schultern will mich ganz,
So muss ich ruhen und verschweigen.

Denn Vorsicht mahnt mich ungelenken Schritts,
Den Tritt zu setzen, wo schon andere gingen.
Wagemut lenkt mich in den Schneidersitz.
So will ich beschwingt und vogelfrei für mich neue Wege besingen.

Zu träumen heißt, mit klarem Blick,
Zu atmen, um zu leben.
Tat schreitet fort, ganz ohne Klick,
Gedanken aus Feuer zu erheben.

Wie diese Worte aus dem Klang sich bilden,
Der in mir schwirrt, wie ein Gesetz,
Den Raum zu verbinden und die Silben,
Ein Herz, das sich in Szene setzt.

Es schlägt und ruft mich zur Räson.
Da ist einer und will gefunden werden.
Es flimmert wieder und die Sorgen rauschen Ton in Ton,
hinab den Strom aus Spiegelscherben.

Er spricht in Rätseln,
was ich gut leiden kann.
Durchlaufe Gefühlswellen
Und erhöre diesen Mann:

„Gekleidet bin ich in Asphalt,
Die Stadt sieht dich, so würfle bald
Den Rausch, der von der Saite schallt.
Edelmut ergibt sich am ewigen Wald.“

So sag mir, was der Würfel spricht.
Das Schweigen ist ein Labyrinth.
Teilst du meine Ahnung, was für ein Licht das ist?
Ein kleiner Punkt in der Nacht, der in der Ferne glimmt.

JB-11-2018

Rom

Verbleibe im Tun, um zu vergessen,
So manches Überbleibsel von geborgter Schuld.
Wie konnt‘ ich nur so überaus versessen,
Mir nehmen, was ich lange schon gewollt.

Ein Kind mit zwei Mark in meiner Pfote,
Vergibt die Wahrheit für den nächsten Zuckerkick.
Und träumt nicht mal von Lanzarote,
Wie auch, wenn jemand Care-Pakete schickt.

Wie Michelangelo mich nun nach Rom geleitet,
So finde ich dort die Menschlichkeit in Strömen wieder.
Eine Wärme, die mich noch über den Wolken begleitet,
Erklärt mir manches und sonnt mir die Glieder.

Die Stadt, der ewigen Flamme hat beflügelt meine Seele.
Will wieder hin und meine Münze werfen.
Ein Bedauern, was mich lange quälte,
Schaut hier aus kalten Augen, die mich so sehr schmerzen.

Dort Herzenswärme, stürmisch war‘s und offen.
Die Neugier in den Blicken hab ich schnell erkannt.
Diese Stadt lässt mich auf meine Werte hoffen.
Ich bin mir selbst jetzt besser noch bekannt.

Dann lauf ich hier auf Straßen und erbebe.
Ich bin in einer Masse und begreife,
Dass ich durch Freundlichkeit und Wärme blühe und auch reife,
Ich hoffe, dass mir auch hier mehr Herzlichkeit begegne.

JB-11-2018

Oceans of void

Back in space
My head fell out of clouds
Body senseless
Gravity still works

Case and Soul
What the time stole
Want to be whole
Tension and coal
Yet Diamonds

My heart, My guts, My brain
Eaten by emotion
Where is reason
Thought works as an unpleasent ocean

Hang in there
John Grant is singing
The Circle of species
talks like endless ringing

In my head, In my soul, In my intuition
This reason stays to be true
All this because of you
Exist in the city I live in

JB-11-2018

Inspirierend

Insistierend sitze ich auf einem Stuhl
Verfehle die Worte um Längen
Singe Lieder oft schon gehört
Verweile wach im Jetzt
Ich Sammlerin für Geschichten

Dem Klang nach, dem wir alle folgen wollen
Und im Gekreisel des Gelächters
Singt der Pan den Götzen etwas vor
Ein wacher Geist, ein lichter Tor
Der mich an eine Lichtung führt

Beschreibe, was ich sehe
Verwandelt, ungebunden
Auf das zu, was ich fürchte
Wege für Entwicklung
Mit Lachendem Herzen

Sie treten für sich ein
Rebell*innen der Zeit
Heilen, Tanzen, Malen,
Denken, Kämpfen, Sein,
Nie da zur Begleitung

Herzlich und teuer
Mir diese Geschichten
Ihre Namen sagen soviel aus
Mutter Erde erinnert
Held*innen

Wer da sagt
Du kannst nicht
Du darfst nicht
Du sollst nicht
Ohne Fantasie

Soll nicht im Weg stehn
Soll sich trolln
Und zusehn
Wie sie aufstehn
Um zu wirken

JB-07-2018

 

Über die Kleine Meerjungfrau

Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau hat mich als Kind gepackt. Diese Seele, die das Gewohnte aufgibt, um sich der Liebe und dem Fremden hinzugeben. Es ist für mich nicht die Opferbereitschaft gewesen, die mich angesprochen hat – eher ihre Verwandlung und ihre Reise: Von Schwanzflosse zu schmerzenden Füßen, die sie nicht tragen wollen, in eine Welt, die ihr unbekannt ist, die sie jedoch anzieht.

Die kleine Meerjungfrau kennt die Welt über dem Meeresspiegel nur durch dass, was ihre Bewohner in der See verloren haben. Schiffswracks säumen den Meeresboden, Verlorenes wird durch das Mädchen neu entdeckt und sie reimt sich die irdische Welt vielleicht zusammen, wie wir, wenn wir ein Museum besuchen, Scherben in unserer Vorstellung zusammensetzen und die Grabbeigaben einer Priesterin bewundern.

Dann ist da ein Mensch, der von ihr gerettet und in seine Welt zurückgebracht wird. Was geht in ihr vor? Sie hat ihn gefunden und wieder verloren, weil er sonst sein Leben verloren hätte. Nun will sie ihm folgen, denn nichts ist ihr in ihrer Welt so vertraut wie sein Antlitz. Sie schließt einen Pakt mit der Seehexe, die ihr die Stimme raubt und ihr dafür den Gang an Land ermöglicht. Und dort taumelt sie nun umher, wie ein Schiff in sturmgepeitschter See. Der, den sie gerettet hat, erkennt sie nicht, wird getäuscht. Am Ende treibt sie als Meerschaum auf der Wasseroberfläche, weil sie es nicht schafft, sein Glück, ihn, zu zerstören.

Ist dies die Geschichte eines Opfertodes oder der Liebe, die am Gegenüber verzweifelt? Die Vorstellungen, die wir uns vom Geliebten machen beginnen mit Eindrücken, Gesten, Berührungen vielleicht. Erinnerungen, die im Museum unseres Geistes landen und dort bewahrt werden, bis dann der Ersehnte sich herablässt uns dort zu besuchen und alles scheint sich zu fügen. Fügung ist überhaupt eine Erscheinung in dieser Angelegenheit, die alle Mauerritzen ausfüllt, die unser benommener Geist vielleicht noch wahrnehmen könnte, in der Wand aus Ergebenheit. Wir folgen ihm oder ihr wohin auch immer und was auch immer es kosten mag. Doch die Ernüchterung folgt auf den Füßen, die über Messer laufen müssen und wir haben keine Stimme uns zu offenbaren. Die Maske ist angewachsen auf unseren Gesichtern. Und alles was uns zu ihm oder ihr geführt hat, baut sich nun als Mauer vor uns auf – als unüberwindbares Hindernis.

Ich kehre den Boden, auf dem du schreitest? So nicht! Ich bin ein Wesen, dass sich nicht beugt, ich gehe meinen Weg mit Kurven und Sackgassen – aber es ist mein Gang, mein Weg, meine Entscheidung. Ja, ich liebe dich aber, wenn du mich leiden lässt, dann wird es sein, als wäre ich nie dagewesen. Denn dienen will ich nicht, genauso wenig wie herrschen.

Gehen wir aufeinander zu ohne Masken und hören uns an, was unser Gegenüber zu sagen hat, was er fühlt, wovor er Angst hat, worüber er nachdenkt und stellen uns gleichzeitig die Frage: Wie ist das bei mir? Erkenntnis ist die Frucht, die wir pflücken werden. Über uns, über die geliebten Menschen, über die Welt. Und wenn dann Machtgefälle ausgeglichen ist und wenn wir uns in die Augen schauen können ohne Lüge im Herzen, dann ist da die Chance auf eine Partnerschaft.

JB-04-2018

Ermächtigt

Etwas
Verletzt mich
Es Umnachtet sich mein Geist
Umgetreten wird meine Lebenswiese
Ich bin ein Werkzeug meines Leidens
Vertrauen abhanden wie Zuversicht

Etwas
Versucht mich
Es umwindet mein Herz
Es tanzt damit hinaus in die Nacht
Zurück bleibt eine Hülle aus Wollen
Liebe zu Trauer

Etwas
Ermächtigt mich
Aus Worten wird Wahrheit
Aus Träumen werden Taten
Aus Himmel wird Heim
Aus Tanz wird Leben

JB-03-2018

Wellenberge

Ungenügend zu beschreiben
Wie scharf Unglück riecht
Wie weit Wahn reicht
Hände aus Bitumen
Umfassen meine Sinne

Ich suche meine Stimme
Ich suche mein Morgen
Ich handle um jede Stunde
Ich kämpfe um jedes Lächeln
In mir nie mehr ein Reigen

Will etwas von mir zeigen
Will meinen Traum aufschreiben
Will die Karten nehmen wie sie kommen
Will mich wandelbar entscheiden
Vor mir eine Walfinne

Wellenberge keine Minne
Ich suche Schutz in ihrem Anblick
Ich sehe Schönheit vor dem Augenblick
Keine Furcht mehr vorm Ertrinken
Dafür Lust auf Schweigen

Ich tauche ab und höre Geigen
Das Ufer ist Erinnerung
Ein Schwarm von Fischen
Unter mir meine Welten
Die ich für mich gewinne

Atmen wie eine Wasserspinne
Schwimmen wie ein Fisch
Die Luft erinnert mich an Land
Die Füße im nassen Sand
Die Wellen umschmeicheln die Wurzeln der Weiden.

JB-03-2018

Systemfehler

Fehler im System
Ich schreie nicht mehr
Ich schreibe stattdessen
System mit Fehler
Ich weine nicht mehr
Ich lache stattdessen
Mitte ohne Wissen
Ich weiß nicht mehr
Ich bin stattdessen
Wissen ohne Mitte
Ich glaube nicht mehr
Ich weiß stattdessen
Traum ohne Bedeutung
Ich träume nicht mehr
Ich deute stattdessen
Trauma mit Bedeutung
Ich handle nach Maß
Weil ich sonst fühlen müsste

JB-12-2017

Reisende 2

Der Schein der Kerze trügt
Mein Herz hat sich bewegt
Es wächst von Zeit zu Zeit
Öffnet sich, wenn die Seelen zu mir sprechen
Eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze
Dieser Weg auf der Weltenschneide
Geschmiedet in meine Gene
Wir alle wie wir hören und sehen
Träumen und denken
Fühlen und erleben
Sind doch Wahrnehmung
Gespielte Wesen
Gespiegelte Welt
Andacht durch Verhinderung
Ein Spiel am Tisch des Schicksals
Die Welt ist flach gedacht
Doch wir sind viele
Die träumen von Wurmlöchern
Und Freunden da draußen

JB-12-2017